KALENDERBLATT NOVEMBER 2019

Mathematiklehrerausbildung 1971 bis 1990

Bereits im 19. Jahrhundert sahen Pädagogen in der Anhebung des qualitativen Niveaus von Unterricht und Erziehung eine Voraussetzung dafür, „daß die Lehrer ihrer politischen und persönlichen Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und der heranwachsenden Generation gerecht werden“ [1]. Dem sollte ein wissenschaftliches Studium dienen, das die gesellschaftliche Stellung von (Gymnasial)-Lehrern auf die Stufe von Absolventen anderer akademischer Studiengänge hebt.

Die DDR folgte diesem Prinzip mit der Ausarbeitung einer Konzeption für ein „einheitliches sozialistisches Bildungssystem“ und einer Verlagerung der gesamten Lehrerausbildung an wissenschaftliche Hochschulen.

Ab etwa 1969 – nach Anpassung wissenschaftlicher Strukturen durch die Dritte Hochschulreform (1967/69) – erfolgte die Ausbildung von Fachlehrern an Universitäten und Pädagogischen Hochschulen unter Ablösung der Staatsexamina zum Diplomlehrer für i. d. R. zwei Fächer. Mit diesem Abschluss war ab 1971 die „Lehrbefähigung zur Erteilung des Fachunterrichts der allgemeinbildenden polytechnischen Oberschulen der DDR“ (von Klasse 5 bis 12) verbunden.

Zu dieser Zeit begann auch an der Sektion Mathematik der Universität Rostock die Ausbildung zum Diplomlehrer für Mathematik/Physik, 1971 mit einer vergleichsweisen hohen Immatrikulationszahl von 76 Studierenden. Gemäß staatlicher Planungen bewegten sich die Immatrikulationszahlen ab 1977 bis 1990 bei ca. 30 pro Jahr (darunter mehr als 50% weibliche), verteilt auf zwei Seminargruppen (M/P 1 und M/P 2). Den Abschluss erreichten ca. 70 – 80% eines Jahrgangs [s. MPR].

Der (DDR-weit) geltende Studienplan für Diplomlehrer Mathematik/Physik sah 1988 eine Studiendauer von vier Jahren zu 31 Wochen Lehrveranstaltungen vor. Hinzu kamen drei Wochen Praktika und ein Jahr schulpraktische Ausbildung, verteilt auf 27 Wochen. Insgesamt waren in acht Semestern 3435 Stunden (á 45 min) zu absolvieren, darunter 930 Stunden Mathematik, 870 Stunden Physik und 330 Stunden Didaktik der Fachwissenschaften. Für die Ausbildung in Pädagogik/Psychologie waren 240 Stunden vorgesehen, die Marxistisch-Leninistische Grundlagenausbildung umfasste in sechs Semestern 315 Stunden. Weitere 180 wahlobligatorische Stunden dienten der Vertiefung einer der Fachwissenschaften oder der Pädagogik/Psychologie sowie der Bearbeitung eines Diplomthemas aus diesen Bereichen [2].

Ludwig Prohaska (Quelle: [3]).
Ludwig Prohaska (Quelle: [3]).

Der Grundkurs für Mathematik mit 645 Stunden in vier Semestern (d. h. wöchentlich 6 SWS Vorlesung und 4 bis 5 SWS Übung/Seminar) beinhaltete die Gebiete Logik, Zahlenbereiche, Analysis, Algebra, Arithmetik und Geometrie. Als Literatur zur Grundvorlesung wurden die Bände der Studienbücherreihe Mathematik für Lehrer empfohlen. Diese 20-bändige Reihe entstand zwischen 1973 bis 1984 im Deutschen Verlag der Wissenschaften und wurde von Wolfgang Engel (u. a.) herausgegeben.

Zwei Lehrende haben in den Jahren 1971 bis 1990 abwechselnd diesen Grundkurs gelesen und damit 20 Jahre die Lehrerausbildung an der Sektion Mathematik maßgeblich geprägt: Dozent Dr. Ludwig Prohaska (1932 – 2018) und Dr. Klaus-Dieter Drews (1938).

Ludwig Prohaska (1932 – 2018) studierte von 1953 bis 1958 in Rostock Mathematik, promovierte 1963 bei Rudolf Kochendörffer (1911–1980) und wirkte zwischen 1969 und 1997 als Dozent für Algebra maßgeblich in
der Ausbildung künftiger Mathematiklehrer mit. Seine Lehrveranstaltungen galten als perfekt vorbereitet, waren von klarer Strenge und hoher Qualität. Er hat sich aktiv an der Entwicklung der 20-bändigen Reihe Mathematik für Lehrer beteiligt u. a. als Mitautor von Band 3 Algebra, der für viele Studierende ein wichtiger Wegbegleiter wurde. In Erinnerung sind Prohaskas vielfältige, langjährige administrative Tätigkeiten, so in der Planung der Lehrveranstaltungen, als Studienberater für Lehramtsstudierende oder Koordinator der Staatsexamensprüfungen. Auch wenn er eher zurückhaltend und distanziert wirkte, so schätzten ihn Studieninteressenten und Studierende als kompetenten Ansprechpartner und Ratgeber (siehe Nachruf im CPR).

K.-D. Drews, Abschiedsvorlesung am 10. Juli 2003: Geometrie – von Euklids Postulaten über Konstruierbarkeit mit Zirkel und Lineal bis zur Algebraisierung und zu Nicht-Euklidischen Geometrien – umrahmt von Dantes "Göttlicher Komödie" (Foto: A. Straßburg).
K.-D. Drews, Abschiedsvorlesung am 10. Juli 2003: Geometrie – von Euklids Postulaten über Konstruierbarkeit mit Zirkel und Lineal bis zur Algebraisierung und zu Nicht-Euklidischen Geometrien – umrahmt von Dantes "Göttlicher Komödie" (Foto: A. Straßburg).

Dr. Klaus-Dieter Drews studierte von 1956 bis 1961 in Rostock Mathematik, promovierte 1971 zum Dr. päd. und war zwischen 1971 bis 1990 als Lektor im Hochschuldienst an der Sektion Mathematik in der Lehrerausbildung tätig.Darüber hinaus publizierte er zu didaktischen Problemstellungen in der Grundausbildung und der Schulmathematik. Beachtenswert ist seine schon im Ruhestand verfasste dreiteilige Abhandlung Mathematische Aspekte im Werk der Astronomischen Uhr von St. Marien zu Rostock (2008 – 2012).

In Würdigung unseres ersten akademischen Lehrers und anlässlich seines 80. Geburtstags 2018 soll hier an einige Episoden seines Wirkens erinnert werden.

Die von ihm für den Kurs M/P 81 gehaltene Grundvorlesung umfasste die Gebiete Grundbegriffe der Logik, Grundbegriffe der Zahlenbereiche, Analysis, Algebra, Kybernetik und Geometrie, jeweils untergliedert in Abschnitte mit Zusammenfassungen, dreistufig durchnummeriert vom ersten bis zum letzten Kapitel mit exakten Bezügen auf Definitionen und Sätze – quer durch alle Kapitel – gespickt mit mathematischen Höhepunkten wie dem Nachweis der Transzendenz von π oder der Konstruktion des regulären 17-Ecks, dargeboten in gestochenen Tafelanschrieben und Skizzen. Mehr als diese Inhalte fesselte die Art seines Vortrags, die jeden interessierten Hörer in seinen Bann zog:

Nicht gleich ahnten wir, dass der streng blickende Mann im grauen Kittel, der sorgfältig die Kreide ausrichtete, die Unterlagen am Pult ordnete, die Tafel akribisch säuberte und zwischendurch den Blick intensiv auf den Ankömmlingen ruhen ließ, unser Dozent sein würde. Pünktlich um 7:15 Uhr begrüßte er uns würdevoll in sehr kunstvoller Sprache mit dem für ihn typischen rollenden „R“ und zog uns mit seiner Mathematikvorlesung in seinen Bann. Mäuschenstill lauschten wir erstmals 90 Minuten ununterbrochen, schrieben Wort für Wort des perfekten Tafelbildes ab und ließen uns in die unbekannte Welt der Logik entführen. Dreimal pro Woche – meistens in den Morgenstunden – pilgerten wir vier Semester lang zu seiner Vorlesung ins Hauptgebäude in den Raum 219, auch wenn der Kopf umnebelt war von nächtlichen Ausschweifungen. Nachdem die zweite Vorlesung mit den Worten: „Frau L. und Herr O., wo waren Sie denn am Montag?“, eröffnet wurde, wagte auch niemand mehr zu fehlen. Seine logisch folgerichtigen und
fachlich bis ins letzte Detail exakten Ausführungen wurden untermalt von einer einzigartigen Mimik und Gestik und kunstvoll in Szene gesetzten Pausen. Erstmalig erlebten wir seine Schweigeminute bei der Grenzwertdefinition: „[. . . ] für alle ε > 0 gibt es ein N ∈ N [. . .]“ Mit gefalteten Händen, den Blick starr zur Wand gerichtet, verharrte er still nach den Worten: „Und diese Definition ist so wichtig, dass Sie sie sich jetzt für immer einprägen müssen.

Mit Qualitäten ganz anderer Art brillierte er zur Überraschung vieler z. B. in einer vorweihnachtlichen Vorlesung durch eine pathetische Rezitation Rudolf Tarnows De schew Globus in schönstem Mecklenburger Platt, in der Aula bei einem Liederabend als Solist mit beeindruckender Gesangsstimme oder auf dem Matheball 1984 mit der Hauptsatzkantate von Friedrich Wille, der Vertonung des Hauptsatzes der Differentialrechnung nebst Beweis, Anwendungen und historischen Bemerkungen für vierstimmigen Chor, bestehend aus Lehramtsstudenten, Tenor-Solo Dr. Drews und Klavier Dr. Konrad Engel.

Eine ganze Lehrergeneration genoss eine beispielgebende fachliche Ausbildung, die zum Fundament eigener Lehrtätigkeit wurde. Bei manchem wird sie verbunden bleiben mit Erinnerungen an diesen fachlich-pädagogisch beeindruckenden, humanistisch gebildeten, so musischen und doch überaus bescheidenen Lehrer.

Christine Sikora (M/P 79/2) und Andreas Straßburg (M/P 81/1)

Quellen:

[1] G. Schmidt: Lehrerbildung in der DDR: Aspekte einer Umgestaltung in den achtziger Jahren. Berlin-Verlag Arno Spitz, 1986, S. 277– 289.
[2] W. Engel: Mathematik und Mathematiker an der Universität Rostock 1419 – 2004. In: Rostocker Mathematisches Kolloquium 60, Rostock, 2005.

[3] Eintrag zu Ludwig Prohaska im Catalogus Professorum Rostochiensium: purl.uni-rostock.de/cpr/00002351