KALENDERBLATT DEZEMBER 2013

Heinrich Friedrich Link - Einer der letzten Universalgelehrten

Noch immer betrachten 20-30% der erwachsenen Deutschen die Evolutionstheorie mit Skepsis oder sogar Ablehnung  [2]. Noch immer werden die Erstsemester unserer Universität feierlich in einer Kirche immatrikuliert. Auch deshalb soll hier an einen für unsere Universitätsgeschichte und die Geschichte der Naturwissenschaften wichtigen Pflanzenphysiologen erinnert werden.

Nach seiner Promotion in Göttingen zur chemischen Analyse des Harns gerade im Begriff, sich als praktischer Arzt in Süddeutschland niederzulassen, erhielt Heinrich Friedrich Link 1792 von der Universität Rostock einen Ruf als ordentlicher Professor der Naturgeschichte und Chemie [3].

Damals, im selben Jahr 1794, in dem Erasmus Darwin (1731-1802), Großvater des berühmteren Charles (1809-1882), seine Überlegungen zur biologischen Evolution der Tiere veröffentlichte,  war es noch "...neu und einer besondern Aufmerksamkeit werth … die Pflanzen als belebte Geschöpfe zu betrachten" [4]. Entsprechend erbittert wurde auch um den Aufbau und die Funktion pflanzlicher Gewebe gestritten. Strittig war beispielsweise die Frage, ob Pflanzenzellen abgeschlossene, eigenständige Strukturen sind oder aber lediglich Hohlräume in einer homogenen "vegetabilischen" Masse. Zur Klärung dieser und anderer Fragen schrieb die Göttinger Königliche Societät der Wissenschaften 1804 einen Preis aus, den Heinrich Friedrich Link und sein Greifswalder Kollege Karl Asmund Rudolphi (1771-1832) zu gleichen Teilen gewannen. Drei Jahre später veröffentlichte Link seine Studien in den Grundlehren der Anatomie und Physiologie der Pflanzen, dem ersten Lehrbuch der Pflanzenphysiologie [5]. Es setzte einen neuen Standard vor allem, weil hier Einblicke in die Natur und die Lebensvorgänge der Pflanzen ausschließlich durch empirische Forschung gesucht wurden. Sein Schüler Julius Ferdinand Meyen (1804-1840) hat ihn später als den Begründer der Pflanzenphysiologie bezeichnet [6]. Soweit es unsere Universität angeht, war der Beginn pflanzenphysiologischer Forschung vor etwa 200 Jahren eng verknüpft mit dem Namen dieses bedeutenden Naturforschers und Universalgelehrten.

1811 wechselte Link an die Universität Breslau, und 1815 wurde er als Professor der Botanik an die Berliner Universität berufen. Sein Nachfolger als Ordinarius für Naturgeschichte und Botanik in Rostock wurde Ludolph Christian Treviranus (1779-1864), gleichfalls ein herausragender Botaniker seiner Zeit.

Hermann Bauwe

Heinrich Friedrich Link
(Foto: Wissenschaftliche Sammlungen an der Humboldt-Universität zu Berlin).
Das erste Lehrbuch der Pflanzenphysiologie wurde vor 200 Jahren an der Universität Rostock geschrieben. (Foto: UB Rostock).

Quellen

[1] Eintrag zu Heinrich Friedrich Link im Catalogus Professorum Rostochiensium: http://purl.uni-rostock.de/cpr/00000604
[2] J.D. Miller, E.C. Scott, S. Okamoto: Public Acceptance of Evolution. Science, 313 (2006) S. 765-766.
[3] Allgemeine Deutsche Biographie, Band 18. Duncker und Humblot, Leipzig, 1883, S. 714-720. (http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/bsb00008376/images/index.html)
[4] A. von Humboldt, G. Fischer von Waldheim: Aphorismen aus der chemischen Physiologie der Pflanzen. Voss und Compagnie, Leipzig, 1794, S. XIV-XV.
[5] H.F. Link: Grundlehren der Anatomie und Physiologie der Pflanzen. Justus Friedrich Danckwerts, Göttingen, 1807.
[6] F.J.F. Meyen: Neues System der Pflanzen-Physiologie. Haude und Spenersche Buchhandlung, Berlin, 1837.